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Bacardi
Feeling
Bike Magazine
January, 1996
By Von Jörg Engelsing
Strände wie im Werbespot, Trails wie
in den Alpen - Biken mit Karibik-Flair in der Dominikanischen
Republik.
Wenn der kleine Fischerort Cabraete seine
Netze auswirft, bleiben nicht nur Fische darin hangen. Der30jährige
Frank Haller zum Beispiel wollte seinen Urlaub nur um eine
Woche verlängern. Das war vor drei Jahren. Auch die 31jährige
Bettina Gide aus Frankfurt kam nur zum Baden nach Cabarete.
Siet acht Monaten verlängert sie ihr Rückflugticket
immer wieder. Ihren Job zu Hause hat sie geschmissen, Kohle
verdient sie jetzt als Bike-Guide. Was zieht die Menschen
hier so magisch an, daß sie alles steh'n und liegen
lassen? Patricia Thorndike von der Bikestation Iguana Mama
kennt die Antwort. Auch sie hat ihrer Skischule in Colorado
den Rücken gekehrt: "Ewig gutes Wetter, eine Superlandschaft
und das relaxte easy living - hier stirbt keiner an einem
Streßinfarkt".
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Aber Karibik und Biken? Paßt das
zusammen? Es paßt. In der Dominikanischen Republik gibt
es Trails ohne Ende. Der höchste Berg der Karibik, der
Pico Duarte, reckt sich hier immerhin 3088 Meter Richtung
Himmel. Man findet jede Menge Schotter- und Erdpisten und
eine Vielzahl von Singletrails, die zu abgelegenen Hütten
oder Weiden mitten in der Pampa führen.
Die Pfade befin den sich meist in einem guten
Zustand, weil ständig Mulis über sie hinwegtrampeln.
Auf jeder Tour trifft man mehrere dieser Offroad-Artisten,
die mit ihrer unglaublichen Trittsicherheit und Geländegängigkeit
sogar Top-Biker blaß aussehen lassen. Trotzem: Mountainbikes
sind das ideale Erkundungsgerät, um die Insel absiets
des Verkehrs und der touristich ausgetretenen Spuren zu entdecken.
Die Routen gehören dabei keineswegs
in die Abteilung City-bike, sondern bieten zum Teil heftige
Offroad-Passagen. Eine der Touren nennen die Locals "Rocky
M. F.". Das Kürzel steht für Motherfucker.
Der Grund: Platten pflaster ihren Weg. 16 Kilometer un 195
Höhenmeter - das leist sich zwar locker, doch die Tour
führt zum Großteil über roterdige Singletrails,
wo scharfkantige Felson auf Fahrfehler und Reifen mit Luftdefizit
lauern. Als Belohnung für schweißtreibendes Treten
wartet oben in den Hugeln eine Felsgrotte mit herrlich kühlem,
klaren Wasser auf heißgelaufene Biker.
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Doch Bergaufkeulen hat hier keine Priorität.
Kaum eine Tour rund um Cabarete bietet mehr als 400 Höhenmeter.
Darüber hat sich bisher auch noch kein Biker beschwert,
denn vor allem im heißen Sommer nimmt einem jeder Anstieg
den Atem. Fur Arktis Fans eignet sich Cabarete kaum: Im Sommer
schw? schon vom Rumsitzen. Die Drive ist lebenswichtig: Au
Wasser sollte man bereits? bevor man sich in der schwingt.
Auf kurzen Tour chen zwei große Flasch? langeren Trips
macht sich? lich ein Camelbak nicht s? Die touren hier sind
eine liges Erlebnis, weil man Leute ungelfiltert kent. Man
kommt an buten vorbei, wo Wäsche auf die tenzaun trocknet,
aus jeder zweiten Bretterbude tönt laute Merenguemusik.
Kleine Kinder stehen am Straßenrand und heben eine Hand.
Sie wollen keine Pesos, sondern die Biker bei voller Fahrt
à la "High Five" abklatschen - die Freundlichkeit
der Karibik. Überall winden sich langgezogene Hügelketten,
auf denen einzelne Palmen keck herausstechen. Die wilde und
doch harmonisch wirkende Landschaft sieht aus, als ob ein
Gartenarchitekt hier seinen Lebenstraum verwirklicht hätte.
Die tolle Szenerie mußte schon für Steven Spielbergs
"Jurassic Park" herhalten. Immer wieder durchquert
man Flüsse - bei der glühenden Hitze eine willkommene
Abwechslung. Pferde und Kühe stehen träge im Wasser
und wundern sich über die bunten Passanten. Während
man auf den Touren Menschen aller Hautschattierungen begegnet,
zeitgen die Kühe keinen Hang zur Mischehe: Sie sind entweder
schwarz oder weiß.
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Das Land ist für Biker ein weitgehend
unbeschriebenes Blatt. Jede Menge Strecken warten hier auf
ihre Entdecker - ein Eldorado für Pioniere auf Stollenreifen.
Patricia erforscht die Trails seit drei Jahren "und ich
habe bisher nur einen Bruchteil gesehen".
Ein Muß für Biker ist ein Ausflug
in die Berge des Nationalparks mit Übernachtung in einer
Urwaldhütte: Zuerst geht es über Schotter bis zu
mehreren Bretterbuden am Rande des Nationalparks. Von hier
aus transportieren Mulis das Gepäck. Ein toller Uphill-Singletrail
beginnt, eine echte Herausforderung auch für Cracks.
Es gilt, Stufen zu überwinden, über Felsen ZuTricksen
und steile Rampen zu bezwingen. Am Zeil, der Hütte für
die Nacht, kann man sich unter einem Wasserfall den SchweiB
vom Körper spülen. Am nächsten Margen geht's
dem gleichen Weg zurück. Doch bergab wird nun jede Rampe
zum Sprunghügel, jede Auswaschung zum Anlieger, den man
in rasender Schrägfahrt herunterbolzen kann. Auch die
anschließende Erdpiste gewinnt durch die neue Fahrtrichtung
einen radikalen Charakter. Man fährt sich regelrecht
in einen Rausch - ein unvergleichlicher Trip.
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Doch auch wenn dem Biker alles bunt und toll
vorkommt: Die dominikanische Republik ist immer noch ein Dritte-Welt-Land.
Normalen Touristen fällt das höchstens auf, wenn
wieder mal der Strom ausfällt. Doch die Kluft zwischen
arm und Reich ist hier sehr tief. Während sich die Reichen
beim Motocross vergnügen und extra einen Mechaniker aus
Miami einfliegen lassen, wenn mal eine Schraube locker ist,
lebt der größte Teil der Bevölkerung in einfachen
Holzhutte, durch deren Wände der Wind pfeift. FlieBendes
Wasser heißt für sie: Es fließt im nächsten
Fluß und sie müssen es von dort erst holen. Immer
wieder sieht man Frauen, die im Fluß die Wäsche
waschen - Waschmaschinen besitzen nr die Superreichen. Die
Toiletten bestehen aus Gruben hinterm Haus, über die
man einfache Holzverschläge stellt. Ist die Grube voll,
kommt Erde drauf und ein paar Meter weiter entseht ein neues
Loch. Auch wenn die meisten Dominikaner kaum Kohle und wenig
rosige Zukunftsaussichten haben: Ihre Lebensfreude ist unglaubich.
Bunt angemalte Häuser und knallige Klamotten zeigen Europäern,
wie man Farbe in den Alltag bringt.
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Einer der schönsten Orte ist tatsächlich
Cabarete. Hier findet man einerseits das karibische Ambiente
mit tollen, palmengesäumten Stränden und bunten
Hütten, andererseits trifft man - dank der vielen Windsurfer
und Biker - interesssante, junge Leute. Keine speckbä3uchigen
Neckermanner, die jeden Abend Kampftrinken veranstalten oder,
wie im 15 Kilometer entfernten Nachbarort Sosua, mit einheimischen
Prostituierten im "Deutschen Biergarten" ihre Maß
schlürfen. Schließlich sind am nächsten Tag
ja Biken und Surfen angesagt - das macht mit dickem Kopf entschieden
weniger Spaß. Auch architektonisch erkennt man noch
keine Spuren touristischer Verwustung: Weder fiese Hotelbauten
noch Schnitzel auf der Speisekarte, sondern hauptsächlich
kleinere Häuser und nette Kneipen. Die Bewohner haben
sich ihren karibischen Lebensstil hier noch einigermaßen
bewahrt. Am Abflugtag drückt mir der Fotograf die Flilme
in die Hand und sagt: "Alter, ich bleibe noch hier".
© Bike
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